Tauche ein in die Welt der Schamanen mit den Worten von Davi Yanomami, dem „Dalai Lama des Regenwaldes" und Bildern von Claudia Andujar, der Gewinnerin der Goethe-Medaille 2018

© Claudia Andujar/Survival

Für die Yanomami im nördlichen Amazonasgebiet ist die Geisterwelt ein fundamentaler Teil ihres Lebens. Ihre mächtigen Schamanen haben viele Aufgaben. Sie sind Heiler und Priester, Kosmologen, Traumdeuter und die Bewahrer des botanischen Wissens. Sie werden geleitet von den Geistern (xapiripë) und der Weisheit ihrer Vorfahren. Dieser Artikel bietet einen seltenen Einblick in ihre Welt mit Erkenntnissen des berühmten Schamanen Davi Yanomami, bekannt als Dalai Lama des Regenwaldes, und Bildern der preisgekrönten Fotografin Claudia Andujar, Empfängerin der Goethe-Medaille 2018.

Davi Yanomami hat Survival International gebeten, euch mitzuteilen, dass sein Volk in großer Gefahr ist und dringend eure Unterstützung benötigt. Tausende gewalttätige Goldgräber arbeiten illegal in seinem Gebiet. Diese Eindringlinge übertragen tödliche Krankheiten, kontaminieren die Umwelt und vergiften die Yanomami. Ein Masern-Ausbruch an der Grenze zwischen Venezuela und Brasilien tötet Angehörige des Volkes. Die unkontaktierten Yanomami sind besonders anfällig für solche eingeschleppten Krankheiten; diese können schnell ganze Populationen töten. Um den Yanomami und anderen indigenen Völkern zu helfen, klick bitte hier.

 

Ein Yanomami-Junge im Gemeinschaftshaus des indigenen Volkes, das sie „yano“ nennen.Ein Yanomami-Junge im Gemeinschaftshaus des indigenen Volkes, das sie „yano“ nennen. © Claudia Andujar/Survival



Als Kind sah Davi die xapiripë zum ersten Mal. Während er aufwuchs kamen sie immer wieder in seinen Träumen vor. Als er erwachsen war, bat er darum als Schamane aufgenommen zu werden.

„Wir Yanomami lernen mit den großen Geistern, den xapiripë. Wir lernen die xapiripë zu erkennen, sie zu sehen und ihnen zuzuhören. Nur Schamanen, die die xapiripë kennen, können sie sehen, denn sie sehen aus wie Menschen aber sind so winzig wie Staubkörner und hell wie das Licht. Ihre Lieder sind kräftig und ihr Denken ist klar."

 

Yanomami-Schamanen inhalieren das yakoana-Pulver, um einen traumähnlichen Zustand zu erreichen. Das Pulver gewinnen sie aus der Rinde des Epená-Baumes und nehmen es durch horoma auf – ein Rohr, das traditionell aus dem hohlen Stamm eines Palmenbaums gefertigt wird.Yanomami-Schamanen inhalieren das yakoana-Pulver, um einen traumähnlichen Zustand zu erreichen. Das Pulver gewinnen sie aus der Rinde des Epená-Baumes und nehmen es durch horoma auf – ein Rohr, das traditionell aus dem hohlen Stamm eines Palmenbaums gefertigt wird. © Claudia Andujar/Survival



Durch Träume und Trance überwinden die Yanomami die physischen Grenzen ihres Körpers und die Beschränkungen des menschlichen Bewusstseins, um mit den xapiripë zu kommunizieren.

„Wenn man zum ersten Mal das Pulver vom Epená-Baum einatmet, versammeln sich die xapiripë um einen herum. Zuerst hörst du von fern ihre Gesänge des Glücks, schwach wie das Summen der Moskitos. Dann beginnt man am Himmel funkelnde Lichter schimmern zu sehen, aus jeder Richtung des Himmels. Nach und nach zeigen sich die Seelen. Mit kleinen Schritten kommen sie näher und weichen wieder zurück.“

 

Ein Yanomami-Mann schläft in einer Hängematte.Ein Yanomami-Mann schläft in einer Hängematte. © Claudia Andujar/Survival



Yanomami-Schamanen inhalieren das yakoana-Pulver, um einen traumähnlichen Zustand zu erreichen. Das Pulver nehmen sie durch horoma auf – ein Rohr, das traditionell aus dem hohlen Stamm eines Palmenbaums gefertigt wird.

„So bringen wir die Geister zum Tanzen. Es gibt viele, viele xapiripë. Nicht nur ein paar, sondern Tausende, wie Sterne. Einige leben im Himmel, andere unter der Erde und wieder andere leben hoch in den Bergen zwischen den Wäldern und Blumen. Wir nennen diese heiligen Plätze ‘hutu pata’. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, schlafen die xapiripë. Bei Dämmerung tauchen sie langsam auf. Wenn wir schlafen, tanzen sie.“

 

Yanomami-Frauen tanzen. Jedes Lebewesen, jeder Stein, jeder Baum und jeder Berg besitzt einen Geist. Manchmal sind diese bösartig und die Yanomami glauben, dass sie Krankheiten hervorrufen. Yanomami-Schamanen kontrollieren diese Geister, indem sie ein Pulver namens Yakoana inhalieren, das Halluzinationen hervorruft.Yanomami-Frauen tanzen. Jedes Lebewesen, jeder Stein, jeder Baum und jeder Berg besitzt einen Geist. Manchmal sind diese bösartig und die Yanomami glauben, dass sie Krankheiten hervorrufen. Yanomami-Schamanen kontrollieren diese Geister, indem sie ein Pulver namens Yakoana inhalieren, das Halluzinationen hervorruft. © Claudia Andujar/Survival



„Nach und nach kamen die Geister. Die Geister der Tukane kamen mit ihren großen Ohrsteckern und leuchtend roten Lendenschurzen. Die Kolibrimenschen kamen und flogen umher. Die Geister der Frösche trugen Köcher mit Pfeilen auf ihren Rücken. Dann kamen die Nabelschweingeister, die Fledermausmenschen und die Geister der Wasserfälle. Meine Seele fing an zu strahlen. Alle kamen und spannten ihre Hängematten in meiner Brust.“

 

Yanomami-Schamanen kontrollieren diese Geister, indem sie ein Pulver namens Yakoana inhalieren, das Halluzinationen hervorruft. In ihrer Trance erleben die Schamanen Visionen, in denen sie ihre Geister, die Xapiripë, treffen.Yanomami-Schamanen kontrollieren diese Geister, indem sie ein Pulver namens Yakoana inhalieren, das Halluzinationen hervorruft. In ihrer Trance erleben die Schamanen Visionen, in denen sie ihre Geister, die Xapiripë, treffen. © Claudia Andujar/Survival



„Seit Anfang der Zeit haben die xapiripë mit den Schamanen getanzt – und sie tanzen noch heute. Ihre Köpfe sind mit den weißen Daunen des Falken bedeckt und sie tragen schwarze Bänder aus Affenschwänzen. Die türkisen Federn der Schmuckvögel verzieren ihre Ohren. Sie tanzen im Kreis, in aller Ruhe.“

 

Zwei Yanomami-Schamanen, die Federn vom Königgeier tragen. In ihrer Trance erleben die Schamanen Visionen, in denen sie ihre Geister, die Xapiripë, treffen.Zwei Yanomami-Schamanen, die Federn vom Königgeier tragen. In ihrer Trance erleben die Schamanen Visionen, in denen sie ihre Geister, die Xapiripë, treffen. © Claudia Andujar/Survival



„Die xapiripë steigen an dünnen Fäden zu uns herab, so dünn wie Spinnennetze. Sie sind wunderschön, bemalt mit leuchtenden Farben und Urucum (Annatto). Ihre Armreifen sind mit Ara- und Papageienfedern dekoriert. Sie tanzen sehr schön und ihr Gesang ist sehr anders. Es gibt unterschiedliche Lieder: das Lied des Aras, das Lied des Papageien, des Tapirs, der Schildkröte und des Adlers.“

 

Eine Yanomami Frau, die ihr Gesicht verziert hat.Eine Yanomami Frau, die ihr Gesicht verziert hat. © Claudia Andujar/Survival



Die Schamanen der Yanomami lassen sich von den xapiripë helfen, um Krankheiten zu heilen. Mit unterschiedlichen Medikamenten auf Pflanzenbasis behandeln sie Fieber, Magenschmerzen, Muskelschmerzen und andere Krankheiten. Krankheiten zu erkennen und zu diagnostizieren verlangt von den Schamanen jahrelange Erfahrung.
Normalerweise gibt es für jede Krankheit eine Heilmethode. Die Ausnahme sind „neue“ Krankheiten, die von außen eingeschleppt wurden und gegen die die Yanomami kaum Abwehrkräfte besitzen.

„Ohne die xapiripë wären wir nicht mehr am Leben. Die bösen Geister hätten uns vor langer Zeit verschlungen. Sie kennen die Krankheiten, die uns heimsuchen. Sie schleudern die Krankheiten weit weg, bis in die Unterwelt. So heilen sie uns.“

 

Ein Yanomami-Schamane. Jedes Lebewesen, jeder Stein, jeder Baum und jeder Berg besitzt einen Geist. Manchmal sind diese bösartig und die Yanomami glauben, dass sie Krankheiten hervorrufen. Yanomami-Schamanen kontrollieren diese Geister, indem sie ein Pulver namens Yakoana inhalieren, das Halluzinationen hervorruft.Ein Yanomami-Schamane. Jedes Lebewesen, jeder Stein, jeder Baum und jeder Berg besitzt einen Geist. Manchmal sind diese bösartig und die Yanomami glauben, dass sie Krankheiten hervorrufen. Yanomami-Schamanen kontrollieren diese Geister, indem sie ein Pulver namens Yakoana inhalieren, das Halluzinationen hervorruft. © Claudia Andujar/Survival



Indem sie mit den xapiripë kommunizieren und sie kontrollieren, helfen die Schamanen der Yanomami nicht nur ihrer eigenen Gemeinschaft. Sie sorgen sich auch um den Rest der Welt. Davi glaubt, dass viele mächtige Schamanen notwendig sind, um den Planeten zu kontrollieren.


„Wir, die Schamanen, arbeiten auch für euch Weiße“, sagt Davi. „Wir Schamanen wissen, dass sich der Planet verändert. Wir kennen die Gesundheit des Amazonas. Wir wissen, dass es gefährlich ist, die Natur zu misshandeln. Wenn man den Wald zerstört, durchschneidet man die Arterien der Zukunft und die Kraft der Welt ebbt einfach ab. Der Himmel ist voller Rauch, weil unser Regenwald gerodet und verbrannt wird. Der Regen kommt spät, die Sonne verhält sich seltsam. Die Lungen des Waldes sind verschmutzt. Die Welt ist krank. Der Wald wird sterben wenn die Weißen ihn zerstören. Wohin werden wir gehen, wenn wir unsere Welt zerstört haben? Wenn der Planet schweigt, wie werden wir lernen?“

Survival International arbeitet unermüdlich daran, das Yanomami-Land zu schützen, damit sie frei leben können, so wie sie es wünschen. Wir haben 1992 dazu beigetragen, den Yanomami-Park unter Schutz zu stellen, der zusammen mit dem Land der Yanonmami in Venezuela das größte Waldgebiet unter indigener Kontrolle in der ganzen Welt darstellt. Wir brauchen dringend deine Hilfe, um diese Region vor Holzfällern, Goldgräbern und Anderen zu schützen, die die Yanomami und ihre Ressourcen ausbeuten und dem Volk Gewalt, Krankheit und Zerstörung bringen wollen. Die globale Bewegung für indigene Völker wächst, du kannst dich uns jetzt anschließen